Beim Thema Kastration scheiden sich ja bekanntlich die Geister. Die einen sind partout dagegen, die anderen zwingend dafür. Doch diese Frage pauschal mit „ja“ oder „nein“ zu beantworten, so einfach ist die Entscheidung meiner Meinung nach nicht.

Zu diesem Thema gibt es laut neuesten Studien der University of California weitere Argumente, welche diese Endscheidung noch komplexer macht.

Bei jedem medizinischen Eingriff müssen jedoch Vor- und Nachteile, angezielte Wirkungen und unerwünschte Nebenwirkungen sorgfältig überlegt werden. Hundliches Verhalten durch eine ­diese Maßnahme beeinflussen zu wollen, ist aus Sicht der meisten Tierärzte und Wissenschaftler ­fraglich wirksam. Und die ­Studien, ­welche die erhöhten Krebsraten bei ­kastrierten Hunden nachgewiesen haben, sind ein weiteres ­gewichtiges Argument gegen eine schnelle ­Kastration.

 

Was passiert bei einer Kastration?

Eigentlich möchte ich hier nicht weiter auf die Anatomie des Hundes eingehen. Für das Grundverständnis finde ich es aber wichtig zu wissen, was genau bei einer Kastration überhaupt passiert.
Die Kastration bei einem Rüden ist wesentlich minimalinvasiver als bei einer Hündin. Der Rüde wird unter Vollnarkose gesetzt. Anschließend werden nach Abbinden des Samenstranges beide Hoden entfernt.
Die Kastration bei einer Hündin ist etwas komplizierter. Auch diese Operation erfolgt unter Vollnarkose. Der Bauch wird durch einen kleinen Schnitt geöffnet, anschließend werden beide Eierstöcke entfernt. Es ist nicht unüblich auch die Gebärmutter mit zu entfernen (dann spricht man von einer Ovariohysterektomie).

 

Unterschied Kastration und Sterilisation

Hündinnen können auch sterilisiert werden. Dann werden die Eileiter nicht entfernt, sondern lediglich unterbunden. Die Hündin ist dann nicht fruchtbar, kann also keine Welpen bekommen, bleibt aber weiterhin läufig und bekommt auch Blutungen. Meiner Meinung nach bietet dieser Eingriff überhaupt keinen Vorteil. Weder der Hündin, noch dem Menschen. Eine Operation bedeutet immer ein Risiko und dieses Risiko lohnt sich in diesem Fall einfach nicht einzugehen.

 

Vorurteile und Klischees

Der Charakter ändert sich: Das ist das weit verbreiteste Klischee, das ich in Bezug auf eine Kastration bisher gehört habe. Ich weiß zwar, was damit gemeint ist: das Verhalten des Hundes ändert sich. Ja, das kann passieren. Mit dem Charakter des Hundes hat das allerdings nicht viel zu tun. Ich bin zwar keine Ärztin, dafür aber Hundepsychologin und bewerte dieses Vorurteil so: Ja, es kann sein, dass der Hund ruhiger wird. Ja, es kann passieren, dass der Hund anderen Hunden gegenüber etwas weniger Interesse zeigt. Es kann auch sein, dass der Hund kuschelbedürftiger wird.  Ja, es kann sein, dass sich das Verhalten des Hundes in mancher Hinsicht ändert.  Die Verhaltensveränderungen sind in den allermeisten Fällen minimal und bringen aus meiner Sicht eher positive Änderungen mit sich.

Mein Hund ist nach der Kastration nicht mehr aggressiv: Dass durch eine Kastration das Level der Aggression und auch Ängstlichkeit und Hyperaktivität gesenkt wird, ja, das kann durchaus sein. Ist dieses Verhalten hormonell bedingt, dann kann eine Kastration eine Minderung bewirken. Aber Achtung: eine Kastration ist kein „Allheilmittel“ zur Bekämpfung von unerwünschten Verhaltensweisen. Da der Tierarzt das Verhalten des Hundes nur schwer innerhalb der Praxis einschätzen und beurteilen kann, würde ich mir auf jeden Fall seine Meinung einholen, mich aber von einem Verhaltensberater oder -therapeuten beraten lassen, wenn aus einem dieser Gründe eine Kastration vorgenommen werden soll.

Der Hund wird faul und dick: An dieser Stelle muss ich manchmal schmunzeln, denn ein Hund, der vorher täglich mehrere Kilometer zurückgelegt hat, wird sicherlich nicht von heute auf morgen nur noch faul. Aber was das Dick twerden angeht: ja, nach der Kastration sollte aufmerksam beobachtet werden, ob ein paar Gramm an Gewicht zugelegt werden. Statistisch gesehen reduziert sich nämlich der Energiebedarf um bis zu 30%, da die Geschlechtshormone den Appetit und Stoffwechsel regulieren. Ein Hund der kastriert ist hat daher einen übermäßigen Appetit, aber gleichzeitig einen vermindeten Energiebedarf. Füttere ich also einiges an Leckerlies zwischendurch, ist das dick werden gut nachvollziehbar.

Die Kastration raubt dem Rüden seine Männlichkeit: Das scheint eine verbreitete Meinung unter einigen Männern zu sein. Jedoch wird sich ein Rüde nicht „unmännlich“ fühlen, wenn seine Hoden entfernt werden. Er besitzt ja schließlich noch ein weiteres Geschlechtsmerkmal, das ihn zumindest äußerlich von seinen weiblichen Artgenossen unterscheidet. Hunde „denken“ auch nicht bewusst in Geschlechterrollen. Durch die Kastration wird dem Rüden zum Beispiel die Last genommen, die er zu ertragen hat, wenn eine läufige Hündin in der Nachbarschaft herumläuft. Einige Rüden leiden wirklich sehr darunter und jammern in dieser Zeit auch viel, da der Fortpflanzungstrieb mitunter so stark ist, dass die Situtation unerträglich werden kann.

 

Tierschutzrelevantes

ACHTUNG: Nach dem deutschen Tierschutzgesetz dürfen einem Tier ohne vernünftigen Grund keine Schmerzen und Leiden hinzugefügt werden. Auch Körperteile dürfen nicht ohne medizinischen Grund entfernt werden.
Eine Operation wie eine Kastration verursacht bei einem Hund natürlich zunächst Schmerzen. Das ist normal und wird vom Tierarzt auch immer medikamentös behandelt. Aufgrund des Tierschutzgesetztes sollte sich aber gründlich überlegt werden, ob eine Kastration wirklich in Frage kommt. Ich glaube zwar nicht, dass jemand, der seinen Hund aus Bequemlichkeit kastrieren lässt, als tierschutzrelevant deklariert wird, aber streng genommen ist es so. Deshalb möchte ich auch ganz dringend noch mal von Tierärzten abraten, die sich nicht mit dem Hund als Individuum beschäftigen und nicht individuell entscheiden ob eine Kastration sinnvoll ist, sondern die pauschal dazu oder abraten. In diesem Fall würde ich wirklich empfehlen, sich die Meinung eines anderen Arztes einzuholen.